Bordeaux en primeur 2018

15.04.2019

Bordeaux

Bordeaux 2018 - zwischen Borderline und Zweifaltigkeit

Bei gemütlichen 130 km/h fragte ich mich in der Auvergne das erste Mal, was den lieben Menschen in Bordeaux wohl in diesem Jahr einfallen möge, um an der Preisschraube zu drehen. Beim 2017er war es Frost, der Jahrgang hat aber auch sonst niemanden so richtig interessiert – wenngleich er gar nicht so schlecht war – aber wohl einfach im Schatten des 15ers und 16ers stand, die tatsächlich das Adjektiv formidabel vertragen.
Aus deutscher Sicht war 2018 ja ganz nah am Jahrhundertjahrgang – wenigstens glauben wir das bisher, denn so arg viel zur Ruhe Gekommenes auf der Flasche hat man ja noch nicht verkostet. Drum also auf nach Bordeaux, Fassmuster verkosten – irgendwo zwischen „hoffentlich ist es kein Jahrhundertjahrgang“ und „wäre schon schön, wenn es schmeckt“. Vorab: es ist kein Jahrhundertjahrgang, hierfür fehlt nicht nur die Homogenität unter den einzelnen Gebieten, hierfür fehlte es auch vielen Weinen an Harmonie. Die Vergleiche zu 2010, 2016 und gar 1982 halte ich für relativ gewagt. da blüht was im Bordeaux Viele der 2018er Muster waren recht uniform, glänzten durch die Abwesenheit von Duftigkeit und expressiver Nase, waren dafür bis an die Kante extrahiert, verloren sich irgendwo in der hinteren Mitte in Belanglosigkeit. Vielen Weinen fehlte die Säure, dafür hatten sie umso mehr Tannin. Sprich es waren reichlich viele Boliden dabei und die Verkostungen waren streckenweise sehr anstrengend. Was allen gemein war und was sich als weiterer Schritt der Post-Parker-Zeit beschreiben ließe: das Holz war deutlich zurückhaltender definiert, spielte in vielen Fällen eine erstaunlich untergeordnete Rolle. Das war in den vergangenen Jahrgängen schon so zu beobachten. Es gab auf einer Négo-Verkostung ein schönes Beispiel, wie das vor knapp 10 Jahren noch war. Dort stand ein 2009er Lascombes zum Tasting: klar, die gealterten Noten können die 2018er noch nicht haben, aber der 2009er trug auch eine barocke Frucht vor sich her, war auf Saftigkeit und Volumen vinifiziert, schob aber gen Ende ein vanilliges Fass über den Gaumen – eine Unart, die den aktuellen Weinen, wie gesagt, weitgehend fehlt. Aber leider fehlte auch oft genug die spielerische, tänzelnde und elegante Länge, die zum Beispiel die feingliedrigen 2016er hatten. Nun ja.
Wieso nun Zweifaltigkeit? Bordeaux ist im Grunde ja eh schon in linkes und rechtes Ufer zweitgeteilt, oft hört man „ein Jahrgang des rechten Ufers“ oder „a left bank vintage“. Das war dieses Jahr auch nicht der Fall, es gab hüben wie drüben Licht und Schatten. Zweifaltigkeit aber wegen des Wetters: der Jahrgang wurde durchgehend als spannendes Spiel in zwei Halbzeiten beschrieben. Bis Mitte des Jahres, streckenweise wohl bis Juli, war es recht frisch und feucht, die Blüte verrieselte bei einigen Weingütern mehr oder weniger stark, das Hauptproblem war aber ein alter Bekannter der Rosenzucht und des Weinbaus: der Mehltau. Der Mehltau war – gerade bei den Bio- und Bio-Dyn-Weingütern ein dauerhafter Begleiter durch den ganzen Jahrgang hindurch und führte zu Erträgen die fast an Totalausfall grenzen: Palmer, Pontet-Canet, Haut Bailly – alle nur um die 10 hl/ha. Das Schöne am Mehltau direkt in der Blüte ist wohl: er befällt nur einige Beeren, verschont aber die Benachbarten unter Umständen. Sprich die Dolde reift dennoch aus, muss aber hinterher filigran auseinander sortiert werden – man könnte fast sagen eine Art der natürlichen Ertragsreduzierung.
Ob Pflanzenschutz nicht möglich war – angeblich war oft der Boden zu nass, um durch die Reben fahren zu können – oder ob es streckenweise auch einfach verpennt wurde, war nicht richtig herauszubekommen. Ab Juli war dann Sommer – und zwar richtig. Der Sommer, die dazugehörige Trockenheit und der UV-Eintrag in die Trauben hielt mehr oder minder bis zur Ernte; es wurde also bei bestem Wetter geerntet – minimalste Niederschläge inbegriffen. Junge Anlagen sollen wohl tatsächlich etwas in den Trockenstress gekommen sein. Und ebenso wie in Deutschland, waren auch die Nächte reichlich warm. Hier könnte durchaus ein Grund für die oft mangelnde Vielfältigkeit der Aromatik liegen, es fehlten die wichtigen Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht für die aromatische Ausreifung der Beeren. Was so entstand, war durchaus gutes und phenolisch reifes Traubengut, aber eben vielleicht bissl langweilig. Streckenweise hörte man den Begriff „american vintage“ – wuha.

Die Appellationen:
Dann gehen wir sie mal durch, die Appellationen. Wir waren in diesem Jahr einen Tag länger in Bordeaux und konnten so die berühmte Hangar-Verkostung mitnehmen – im Grunde eine Tischverkostung aller ACs, relativ angenehm, um sich einen groben Überblick zu verschaffen. Ich habe mich vor dem Hintergrund der weiteren Planung aber auf Pessac und Pomerol konzentriert, andere Teile des Teams waren „globaler“ unterwegs und es ergaben sich durchaus schon erste „Isch-Cool“-Tipps.

Pessac:
Wir hatten am Montagmorgen Haut Bailly auf dem Weingut verkostet; tolle erste Messlatte, wie sich im weiteren Verlauf herauskristallisierte. Sowohl der Wein des vor einiger Zeit erworbenen Schwesterweingutes La Pape, als auch die zwei Weine von Haut Bailly setzten durchaus Standards. La Pape etwas mehr Frucht und Volumen – schon fast ein wenig St. Émilion; La Parde de Haut Bailly, der ab diesem Jahrgang übrigens etwas technisch „Haut Bailly II“ heißt und Haut Bailly selbst, als die feine, aristokratische Variante. Letzterer konnte durchaus Spannung am Gaumen aufbauen, wurde mit jeder Minute im Glas deutlicher in der Ansprache und hatte etwas, was sonst oft fehlen würde: eine feingezeichnete Säure, die den kompletten Eindruck durchzog, den Wein „grippy“ und fein machte. Der kleine Bruder war etwas direkter, unverblümter, zeigte für seine Gewichtsklasse aber schon eine tolle Länge.
Viele Weingüter des Pessacs und Graves sind mit dem Jahrgang - in der Retrospektive der gesamten Verkostung - wohl recht gut klar gekommen. Viele der verkosteten Muster hatten Spannung und Spiel, Vielschichtigkeit und Eleganz – wenigstens bei den Rotweinen.
Die Favoriten: Domaine de Chevalier (18/20), Larrivet Haut Brion (18/20), Carmes Haut Brion (17/20), Fieuzal (17/20) und Smith Haut Lafitte (17/20). Rahoul war mit 17/20 bei den Weinen aus dem Graves recht gut.
Überraschend: Pape Clement – mit so wenig Holz habe ich das Weingut noch nie verkostet
Die Weissweine aus Pessac-Léognan und Graves waren leider eher unter dem Durchschnitt.
-Rahoul Blanc als einziger Graves mit größer-gleich 15 Punkten.
-Von den Pessacs parkten viele im Mittelfeld der 15-16 Punkte.
-Larrivet Blanc, La Louvière, Latour Martillac waren mit 17 Punkten die Besseren.
-Chevalier Blanc mit 18/20 Punkten der einzige deutliche Ausschlag nach oben.
Insgesamt wohl nicht das, was man aus diesem Jahrgang braucht, zudem kamen später noch Weine wie der weiße Clos Floridène hinzu, die mehr Freude für deutlich weniger Geld versprechen.

Pomerol die Erste:
Weil ich mich mit Pomerol ja immer ein bissl schwer tue, gab es im Hangar noch die Weine von dort und so die Möglichkeit, sie ein paar Tage später auf der UGC-Verkostung ein zweites Mal zu verkosten. Wiederrum retrospektiv betrachtet, war Pomerol eine der gut gelungenen Appellationen im Jahrgang 2018. Viele der Weine waren durchaus fein und anmutig, nicht so extrem extrahiert wie anderswo und passten gut in die Vorstellung von eleganten Bordeaux-Weinen. In Kürze:
Herausragend: Clinet und La Pointe
Überraschend und sehr gut: Rouget (hat man sonst ja irgendwie nicht auf dem Schirm), Beauregard
Gut: Croix de Gay
Enttäuschend: Gazin und Petit Village

Die zweite Verkostung füge ich dann weiter unten mit ein – dort kommen auch die Moueix-Weine sowie VCC und eine kleine Überraschung aus dem Thienpont-Stall dazu, denn der erste Verkostungstag nahm an dieser Stelle mit einem recht prächtigen Lafon Rochet, den das querkostende Team als „isch cool“ ausgemacht hatte, ein Ende.

Margaux die Erste:
Der zweite Tag fand am linken Ufer statt und begann bei Chateau Margaux. Margaux zum Frühstück hat wohl einen gewissen Reiz für den geneigten Bordeaux-Konsumenten. Die Weine waren allerdings ähnlich wenig ausgeschlafen wie der junge Mann, der sie präsentierte. Beide – Weine und Präsentator – wirkten irgendwie lustfrei. Ausgeschlafene Holztanks Dem Pavillon Rouge fehlte die Nase, am Gaumen wirkte er eher harsch und ungestüm, grad wie frisch aus dem Bett geschüttelt. Margaux im Vergleich freilich deutlich besser, die typische rotbeerige Nase immerhin andeutend. Am Gaumen schon toll, aber irgendwie habe ich den Wein schon besser verkostet, überraschend muskulös und dafür etwas unintellektuell. Und der weiße Pavillon, nun ja. Ich notierte: stahlig, konzentriert, lang, bleibt aber auf der Säure, wenig Holz, gut ausgeglichen, aber wo ist das „Aha“? Das war alles ein wenig entzaubernd, wenngleich technisch natürlich perfekt gemacht.
Im Anschluss ging es zu Palmer (19,5/20): wie oben schon berichtet, es gab wenige, die weniger Ertrag hatten. Die Folge daraus ist simpel: es gibt nur einen hervorragend getroffenen Palmer und der Zweitwein setzt diese Runde aus. Geschätzt kommt Palmer im 2018er auf 6000 Kisten, die verkäuflich sind. Man darf gespannt sein, was das für den Preis bedeutet. Wenn er aber nur halbwegs im Bereich der letzten Jahre liegt, ist das verglichen mit dem Nachbarn Margaux fast gerechtfertigt. Schon die Nase zeigt unangestrengte Konzentration und Saftigkeit – erinnert im positiven Sinne fast ein wenig an einen Ribera del Duero. Am Gaumen glänzt der 18er Palmer mit einem herrlichen Spiel zwischen kerniger Kraft und polierter Wohlerzogenheit.

UGC St. Julien:
Nächster Stopp: UGC St. Julien auf Branaire-Ducru. Im Nachhinein für mich die homogenste und beste AC am linken Ufer – ich weiß, es gibt da andere Meinungen. Aber hier durfte sowohl die erste als auch die zweite Garde tolle Weine zeigen, vielleicht war es auch einfach die linksseitige Appellation, die ich verstanden habe, man soll den Fehler ja bei sich selbst suchen. Zur meist reifen Frucht hatten die Weine ein entsprechend verträgliches Tannin und eine gut eingepasste Säure, konnten Spannung aufbauen und blockierten sich nicht vor lauter Muskeln.
Toll waren: Gruaud Larose (18/20) und Léoville-Poyferré (18/20)
Gut waren: Léoville Barton (mir fast eine Spur zu männlich, 17/20), Beychevelle (17,5/20), Langoa Barton (17,5/20), Talbot (auf eine leichte Art und Weise; 16,5/20)
Hinter den Erwartungen: Branaire-Ducru (15/20), St. Pierre (16/20), Lagrange (15/20)

Margaux die Zweite:
Nächster Verkostungsstopp war auf Rauzan-Ségla. Dort, also in Margaux, richtet der Négociant Ulysse Cazabonne alljährlich eine relativ große Verkostung aus – es dürften so an die 300 Weine sein, die man hier konzentriert verkosten darf. Kann es zuviel Wein sein? Der erste Ansatz war, sich hier die UGC für Margaux auf Chateau Dauzac zu sparen. Haben wir dann leider nicht ganz geschafft, weil nicht alle Weine ausgeschenkt wurden, aber einen großen Teil haben wir ohne viel Gedränge dennoch verkostet – für den Rest sind wir dann auf dem Heimweg kurz bei Dauzac vorbeigeschneit. Drum sei an dieser Stelle die AC Margaux komplett dargestellt. Recht häufig war hier das Phänomen zu kosten, dass die Weine vor lauter Tanninmuskulatur kaum laufen können, wenn man so will. Die reife Frucht kämpfte in den meisten Fällen sehr tapfer, wurde aber meist ab der Mitte aus dem Spiel gedrängt. Die Aromatik war zumeist vergleichsweise leise und eher auf reife dunkle Primäraromen beschränkt – hier und da versuchte sich ein Tässchen Kaffee, ein Tabakblatt oder ein zartes Blümchen im Getümmel. Die Tannine waren leider nicht nur mächtig, sondern oft auch grob, ruppig und unpoliert. Dass das nicht so sein musste zeigte Palmer – klar in einer anderen Liga, aber es wäre wohl gegangen. Für mich ist es in Margaux echt schwer richtige Favoriten zu finden, mir war vieles zu eng und zu düster, hatte zu wenig Spiel. Daher mal von schlecht nach weniger schlecht:
Schade: d‘Issan (14/20), Brane Cantenac (14/20), Rauzan Gassies (14/20), Marquis d’Alesme (14/20), Lascombes (14/20)
Mittelfeld: Cantenac Brown (15/20), du Tertre (15,5/20), Prieuré Lichine (15/20), Malescot (15/20), Marojallia (15,5/20), Dauzac (16/20), Labégorce (16/20)
vergleichsweise gut: Férriere (16,5/20), Kirwan (16,5/20)
gut: Giscours (17/20), Rauzan Ségla (17/20), Monbrison (17/20)
Der große Vorteil der Verkostung bei Ulysse-Cazabonne ist der, dass man Weine findet, für die man ansonsten entweder extra zum Château oder auf eine abgelegene Sammelverkostung müsste. Und so kann man recht flott Entscheidungen treffen und sich durch ganze Kategorien und Regionen fräsen.

Fronsac:
Fronsac: Villars gut und in üblicher Form, allerdings durchaus übertroffen von Moulin-Haut-Laroque (17/20), der mehr Fleisch am Knochen hatte und – wenigstens im Moment - der zugänglichere Wein war. Beide wiederrum übertroffen von Haut Carles (17,5/20), den ich ziemlich genial für die Liga fand und dem die hohe Reife formidabel zu Gesicht stand.

Haut-Médoc
Sowohl Cambon-la-Pelouse (16,5/20) als auch Charmail (16,5/20) waren toll. Cambon wie üblich auf seine offene, freundliche und weiche Art; in diesem Jahr mit gut polierten Tanninen und viel Paprika-Aromatik um eine reife Kirsche. Charmail erwachsener und ernsthafter, mehr waldige Aromen, etwas mehr Anspruch und für seine Klasse toll gemacht. Chasse Spleen war – persönlich betrachtet – nicht so mein Typ. Der Wein wirkte relativ in sich gekehrt und zurückhaltend.

Kleine Zwischennotiz:
Und wenn Sie mal einen Wein brauchen, der so gar nicht in die Zeit passt und der Ihnen das Weintrinken am besten für immer verderben soll, dann nehmen Sie einen Péby Faugères aus dem Jahrgang 2018. Ich habe lange darüber nachgedacht, was das denn sein sollte. Eine Art frisch lackierter Rioja vom rechten Ufer mit einer Wummenfrucht, die jeden Chilenen in den Schatten stellt und an Diffusität seinesgleichen sucht.
Man hätte sich erregen können – hätte es da nicht ein weiteres Mal einen Lafon Rochet gegeben, der die Seele wieder getröstet hätte. Tiefgründige Nase, samtig, rund und friedliebend auf der Zunge, das richtige Maß an Druck auf der Zunge, gut integrierte Tannine und ein darunter laufender Säurezug. Herrliche Griffigkeit, wenig Fett, hinten Graphit und viel Spiel. Toller Abschluss

Moueix - Pomerol und St. Émilion:
Der Mittwoch gehört dem rechten Ufer und beginnt bei Moueix in Libourne. Ich muss es gestehen: das Margaux-Frühstück war durchaus leichter verdaulich. Was waren hier – Moueix behauptet, wie im Grunde jedes Jahr, den besten Jahrgang seit Bestehen vinifiziert zu haben – für Tanninbomben dabei. Einer der Mitfahrer begann ohne viel Federlesen direkt in der Oberliga von Trotanoy und Bélair Monange – ich bin mir inzwischen sicher, er hatte Insiderwissen, der Schuft.
Die anderen haben sich brav von unten nach oben probiert. Um es kurz zu machen: Plince und Bourgeneuf – ab hier wurde es besser. Toll waren Hosanna, La Fleur Petrus und Trotanoy. Selbst die sonst von mir geschätzten Weine von Certan de May und Bélair Monange fand ich nicht überzeugend. Es sei mir gestattet, ich war ein bisschen enttäuscht und hatte ehrlich etwas mehr erwartet, denn Moueix versteht sich in der Regel auf zarte Vinifikation – aber steht halt auch auf hohe IPTs.

Pomerol die Zweite:
Mit deutlich abgetrockneter Zunge ging es im Anschluss zu Beauregard - Pomerol-UGC, vite fait. Die Eindrücke der Hangarverkostung bestätigten sich, die Weine waren im Grunde eine Spur besser, wiederrum Château Rouget (leicht nach oben bepunktet) als Überraschung, La Pointe (etwas nach unten korrigiert) etwas männlicher und kraftvoller, Gazin schwächelt weiterhin, Clinet (keine Punkteänderung) weiterhin Klassenbester in Pomerol. Kleines Mittagessen am Schloss, ein graziler Regenschauer und schon standen wir bei der nächsten UGC.

St.-Émilion:
Die relativ große UGC-Verkostung von St. Emilion fand auf Chateau Larmande statt. Die Buben waren mit dem Verkostungsraum wohl „grad so“ fertig geworden. Der Raum war relativ klein, erinnerte an ein Tonnengewölbe und war mit frischem Holz verkleidet – klar, alle Weine dufteten entsprechend nach frischem Holz. Grandiose Idee. Davon abgesehen war der Raum proppevoll mit doch eher eigentümlichem Publikum. Es mag diesem Umstand geschuldet sein, dass viele Weine nicht imponierten. Es mag aber auch tatsächlich am Jahrgang liegen. Viele der Weine waren komplett vernagelt, zeigten eine ölig-teerige Nase, hatten kaum Spiel und waren durchzogen von grünem Tannin. Buh.
Lobenswerte Ausnahmen: Valandraud (17,5/20), Pavie Macquin (18/20) und Trotte Vieille (den wir aber anderen Orts verkosteten; 17,5/20) –
also leider nur die Oberliga. Schade.

Pomerol die Dritte:
Wieder zurück nach Pomerol, Zwischenstopp auf Guillot Clauzel (18/20) und mehrere kleine feine Überraschungen. Jan Thienpont empfing uns – wie immer in der Primeurwoche unter Vollgas - und leitete uns an Guillaume Thienpont (quasi der Sohn von Vieux Château Certan) weiter. Kurze Worte der Einleitung: die Familie Clauzel sei kurz der Überlegung erlegen, die knapp 2,5 Hektar Rebfläche von Guillot Clauzel zu verkaufen – der Hektar kurz unterhalb von Le Pin sei dann doch immerhin 2 Millionen wert, _EIN_ Hektar wohlgemerkt. Während ich mich kurz dem Gedanken ergebe, welche Mechanismen wohl gezogen haben mögen, damit sich die ehrenwerte Familie Clauzel zu ihrer Scholle und nicht zu einer Villa auf Mallorca bekannt hat, erklärt Jan, dass der Wein zukünftig von Guillaume Thienpont gemacht wird, stellt nebenbei noch Guillaumes adrette Freundin vor und kündet von Frohsinn und Wonne. Ein Engel wispert Frieden.
Gleiches tut der Wein. War Guillot Clauzel zwar immer gut, dennoch aber recht rustikal, so lässt sich die Handschrift von VCC direkt ablesen. Feingliedrig, rotfruchtig, sensibel, kühle Aromatik. Pomerol „at its best“ eben. Ich bin unendlich gespannt, wie sich der Preis entwickelt.
Wenn wir schon mal hier sind, auf zum großen Bruder – könnte man sagen. Sprich nächster Halt auf VCC.
Vieux Chateau Certan (19/20) besteht dieses Jahr zu beachtlichen 30% Cabernet Franc, was die komplette mit dieser Rebsorte bestockte Fläche repräsentiert. Der Merlot war ebenfalls komplett ausgereift und so präsentiert sich abermals ein sanfter Riese von Adel: leise und kraftvoll, perfekt eingebundene Tannine, erfrischende Säure, schokoladiges Finish. Toll gemacht und seiner üblichen Machart treu, dennoch einen erstaunlichen IPT von 77; merkt man dem Wein nicht an. Auto anlassen, Hügel runterrollen, nächster – fast schon touristischer – Stopp auf Cheval Blanc. Weine sind selbstverständlich prächtig, habe ich aber tatsächlich schon besser verkostet. 100 Punkte? Naja. Es ist das erste Mal, dass ich merke, wie mir der Respekt vor den ganz großen Weingütern abhandenkommt. Ich schelte mich. Eine kleine Irrfahrt später erblicken wir das Atrium von Tertre Roteboeuf. Francois Mitjaville darf ja als Meister-Extraktor gelten, wenn es jemand versteht, mit hochreifen Trauben umzugehen und das richtige Maß an Extraktion zu finden, dann wohl er. Im Keller herrschte ein ziemlicher Trubel – es war im Grunde zu voll, Konzentration fiel schwer. Vielleicht mit ein Grund, warum die Weine in diesem Jahrgang nicht so brillieren, wie in den Jahren zuvor.
Alle vier Weine strahlten etwas von innerer Unzufriedenheit aus, schwer zu beschreiben. Tertre Roteboeuf war sicher der beste Wein der Riege, aber irgendwas war auch an ihm nicht ganz sauber, trotz des üblichen „direkt aus dem Fass hebens“ etc. Komisch und nicht unbedingt mein Favorit dieses Jahr – „missing the inner Zen“. Auch die kleinen waren auffällig hohl, schon opulente Frucht, schon Reife, aber es fehlte immer ein entsprechendes Equilibrium aus Säure und Rückgrat.
Der bis dato schwerste Tag der Woche war damit geschafft, noch eine Stunde im Stau in Bordeaux und wir waren gegen 18.00Uhr mit Bierdurst daheim.

Oberes Médoc:
Am Donnerstag stand somit noch einmal das Médoc auf dem Programm – Pauillac und St. Éstephe, UGC und ein paar Premier- und Deuxième Crus. Der Tag beginnt mit einem züchtigen Namaste auf Cos d’Estournel. Es wurde bereits gemunkelt, dass es hier mit die besten Weine des Jahrgangs geben soll, ich hatte aber auch unterwegs schon das Gegenteil vernommen. Also „Verbeugung zu Dir“ und ran an den Tisch.
Zu verkosten gab es:
Goulée (17/20): eher untypisch schlank und erwachsen, herrlich duftige rote Frucht, kühl vinifiziert, mit erfrischendem, gut eingebundenem Tannin – das ging ja toll los.
Pagodes de Cos (17,5/20): ebenfalls mit einem frischen Tannin versehen, straff und wohl trainiert, elegante Frucht
Cos d’Estournel (19,5/20): alles bereits gut versammelt und zueinander stimmig, sanft grünes Tannin zu Beginn, frisch und von erheblicher Länge.
Allen drei Weinen war eine schöne Entwicklung im Glas gemein, mit 10 Minuten Luft wurden sie hinten breiter, die Tannine geschmeidiger, alles passte noch besser zusammen. Hier stimmte es.
Dazu kamen noch zwei Weißweine:
Pagodes Blanc (17/20): frischer Sauvignon-Typ mit maritimen Noten und schöner Mineralik, kaum Holz und sehr pur.
Cos Blanc (17,5/20): gelbfruchtiger, mehr Holz, mehr Konzentration, kurze Schwäche in der Mitte und dann wieder Vollgas über den Gaumen.

Mouton-Rothschild und Latour:
Husch Husch, Mouton wartet. Dort das übliche Sortiment. Armailhac und Clerc-Milon waren später auf der UGC deutlich netter, Mouton (19/20) hatte ich 2016 besser im Glas, er braucht kurz bis er alles preisgeben mag. Dann gibt er aber wirklich alles und dürfte als einer der vielschichtigsten Weine des Jahrgangs durchgehen – eine wahre Aromenwiese. Schon toll. Hier zum zweiten Mal: dieses nervige Chichi mit Golfcaddies und knirschendem Kies. Irgendwie könnten sich die Schafshirten auch mal ein neues Konzept auferlegen. Ich gemahne mich abermals zur Contenance – schließlich geht es von hier auch direkt in den „holy grail of Cabernet“, zu Latour. Hier waren wir vor zwei Jahren das letzte Mal, was ziemlich superb war. Neben den damals ziemlich abgefahrenen 16ern gab es den 2005er Latour. Definitiv eine Erfahrung von einem anderen Weinstern. Line-Up dieses Jahr:
2014er Pauillac (war ziemlich cool), 2013er Forts de Latour (nöö, braucht man nicht) und 2008er Latour (braucht noch 8-10 Jahre, würde ich sagen).
Dazu natürlich wieder die 18er der genannten Weine. Wie soll ich sagen: war gar nicht sooo extraordinär – irgendwas ist doch falsch mit mir. Der kleine Pauillac (15/20) war ziemlich vernagelt und nicht sehr expressiv. Forts de Latour (16,5/20) deutlich offener und weicher, dafür etwas gläsern in der Mitte und hinten ein wenig mit loser Säure versehen. Der große Latour (18,5/20) hatte etwas Gemütliches mit Hang zum Behäbigen – da war mir der Mouton doch lieber. Heiland, wer derartiges schreibt, wird beim nächsten Mal bestimmt nicht mehr eingelassen – die Ritter der Kokosnuss lassen grüßen.

UGC Pauillac und St.Éstephe:
Der Weg ins Glück Letztes Pflichtprogramm – UGC Pauillac und St. Éstephe auf Chateau Batailley – und die hatte es tanninmäßig nochmal
echt in sich. Hier waren echt Brocken dabei, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie je aus ihrem Tanninschlaf aufwachen. Die Comtesse hat mich etwas überrascht – wenig Weiblichkeit, dafür etwas viel Speck auf den Hüften. Der Stil des neuen Kellermeisters (ist, glaube ich, sein zweiter Jahrgang), lässt die große Dame des Pauillac stämmiger und weniger filigran erscheinen. Der in der Nachbarschaft lebende Baron macht da eine bessere Figur. Pauillac war somit nicht der große Wurf im Jahrgang 2018, entsprechend eine eher zarte Bepunktung:
17-18 Punkte: Armailhac (17,5/20), Clerc Milon (17,5/20), Pichon Baron (18/20), Pichon Comtesse (17/20)
16-16,5 Punkte: Batailley (16,5/20), Croizet Bages (16/20), Lynch Bages (16/20), Lynch Moussas (16,5/20), Grand Puy Lacoste (16/20)
Der Rest darunter.
St. Éstephe zeigte sich bis auf weniger Ausnahmen ähnlich, eher noch eine Spur zugeknöpfter. Phélan Ségur war ab der Nase als solcher nicht zu erkennen, Cos Labory darf, trotz meines Faibles für das Weingut, als schlechtester Wein der Appellation gelten.
Toll und gut getroffen waren dafür – ja, es zieht sich schon durch den gesamten Bericht – Lafon Rochet (18/20) und Les Ormes de Pez (17,5/20). Witzigerweise habe ich Lafon Rochet über die ganze Woche besser verkostet als auf der UGC. Dennoch beide bei üblicher Preisgestaltung nette Kaufempfehlungen.

Und das war’s – hätte uns ein feinfühliger Außendienstler nicht noch kurz vorm Gehen abgegriffen und zur Hinterzimmerverkostung verführt. Neben dem ein oder anderen netten, kleinen und durchaus zugänglichen „Schatösche“ gab es eben auch den oben erwähnten Trotte Vieille – und allein dafür hat sich dieses Nebenzimmergeplänkel nochmal gelohnt.

Fazit:
für mich ist 2018 an der Gironde der klassische Fall eines „picky vintage“ – sprich ich werde wohl kein Riesensortiment einkaufen, dafür lieber mehr von den Weinen, die mir wirklich gefallen haben. Die „Wunschliste“, die ich neben diesem Text hier geschrieben habe, ist dennoch überraschend lang. Alles in allem ist der Jahrgang nicht so toll, wie vorab gedacht. Es gibt schöne Sachen, aber auch echt viel Mist. Die Preisentwicklung ist heute für mich noch nicht absehbar, ich habe aber das Gefühl, der bordelaiser Korkadel weiß es selbst noch nicht so genau.

Trivia, Chichi und Gossip:
Es war ziemlich ruhig in Bordeaux, nicht unbedingt was die Verkostungen anging, aber definitiv was die Werbetrommel angeht. Kein permanentes „doller Jahrgang“, wenig Vorablorbeeren, wenig elitäres „wir sind eh die Besten“-Gebrabbel. Ob Bordeaux doch auf den Boden der Tatsachen kommt? Da wo früher große Geländewagen den Shuttleservice machten, fahren heute Elektro-Tuktuks, man sprach relativ offen darüber, was der Jahrgang abverlangt hat, wo man Schwierigkeiten hatte etc. Insgesamt war alles recht geerdet, keine Schuhputzer, man durfte streckenweise ziemlich weit durch den Matsch laufen – aber auch des Händlers Frau lernt dazu, es gab keine Heels, die zentimetertief in der Ackerkrume steckten – das bedaure ich ein wenig.
Auffällig war, dass ziemlich viele deutsche und/oder österreichische Händler vor Ort waren, das kannte ich so bisher nicht.So green Daneben gab es viele Verkoster aus Benelux und Skandinavien. Der obligatorische Asiate war freilich auch am Platz, aber zumeist in geringer Stückzahl. Was es nicht gab, waren Chinaexpress-Sprinterbusse, die Horden von Jogginghosentragenden Weinsachverständigen ausspuckten – find ich gut!
Briten gab es überraschend viele und noch mehr Amerikaner. Russland und Co waren eher in der Unterzahl. James Suckling fährt tatsächlich weiterhin mit einem Porsche durch die Lande – ob es dem Alter oder dem schlechten Wetter geschuldet war, dass es ein Panamera und kein 911er war, war nicht zu eruieren.
Neal Martin hat’s am Herzen und bekommt einen Bypass. Denkt man sich: na und? Tatsächlich ist es so, dass der gute Neal erst in einigen Wochen nach Bordeaux fährt und verkostet. Da sein Urteil aber recht relevant für die Preisbildung sein dürfte - es sei denn, dem Korkadel fällt plötzlich ein, er macht das jetzt mal ohne Neal-Punkte – ist mit einer langen Primeurkampagne zu rechnen. Ich glaube mich zu erinnern, dass das mit dem 2008er Jahrgang ähnlich war, Parker erst recht spät mit seinen Noten rauskam und bis dahin ein eher zäher Verlauf herrschte. Zu allem Überfluss findet Ende Mai auch noch die Vinexpo
in Bordeaux statt, was gemeinhin zusätzlich zu Verzögerungen führt.

Nun ja, läuft ja nicht davon.

Herzlichst - Jörg Ilgen

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