6 Fragen an...Roman Niewodniczanski, Weingut van Volxem

25.09.2020

Winzer

1. Welche Vorstellungen und Wünsche die Sie ganz am Anfang als Weingutsbesitzer motiviert haben, sind mittlerweile in den Hintergrund getreten? Welche sind nun an deren Stelle gerückt?

Drei Gründe haben mich in 2000 zum Erwerb dieses sehr traditionsreichen Weinguts bewegt:
1. Der Blick in die reiche Geschichte dieser außergewöhnlich schönen Steillagenregion, der uns tagtäglich aufs neue motiviert.
2. Der sich zunehmend beschleunigende Klimawandel, der zu immer heißeren Sommern führt.
3. Der internationale sich weiter beschleunigende Trend hin zu leichteren, bekömmlicheren und zugleich hoch aromatischen Weissweinen. Alle drei Aspekte haben sich in ihrer Bedeutung für unser heutiges Handeln eigentlich noch verstärkt, weswegen ich das Erfolgspotential für unsere Weine heute noch deutlich höher einstufe als zum Zeitpunkt meines Einstiegs im Jahre 2000.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich in 2000 kaum gewagt, von einem derart rasanten Erfolg der Saarweine insgesamt auch nur zu träumen. Inzwischen bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir unsere ehemals sehr starke Position in den verschiedensten Weinmärkten der Welt künftig nach und nach zurück erobern können.

2. Wie wichtig ist eine historische Dimension für Ihre Vision zeitgemäßer Weine von der Saar?

Das überaus hohe Anstehen der Saarweine in der Zeit um um 1900 ist neben den Chancen, die uns der Klimawandel im Wettbewerb mit deutlich wärmeren Regionen gibt, eine der wesentlichen Triebfedern unseres Handelns. Nur wenig andere Weinbauregionen auf dieser Welt können eine derartige Erfolgsgeschichte aufweisen.

Selbst unter vielen internationalen Weinfachleuten ist noch immer kaum bekannt, welch enormen Stellenwert unsere Weine in der Zeit um 1900 auf den Weinkarten vieler der renommiertesten Restaurants in den Metropolen der Welt eingenommen hatten. Bis in die 1940er Jahre dominierten sie die Weinkarten bei weitem und ihre Relevanz war beispielsweise in den Luxusrestaurants von New York derart hoch, dass selbst die meisten kalifornischen Weine damals mit Bezeichnungen wie „Riesling Mosel, Johannisberg" oder "Rhine Riesling" versehen wurden. Der ausschlaggebende Grund für den enormen Erfolg unserer damals immer trocken bis moderat feinherb ausgebauten Rieslinge lag in ihrer großen Bekömmlichkeit und Trinkfreude.
Letztere sind aktuell gefragter als je zuvor, weswegen diese historische Dimension gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

3. Nach dem Ausbau des eigenen Weingutes und der Rekultivierung des Ockfener Geisberg, welche Projekte haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen?

Nun.
Zugegeben ist auch mir manchmal etwas schwindelig angesichts der rasanten Entwicklung von Van Volxem in den letzten Jahren und meine eigenen Batterien sind nach 20 Jahren oft mühsamer Aufbauarbeit gelegentlich nicht mehr ganz so energiegeladen wie früher.
Zum Glück hat sich das Team Van Volxem in den letzten Jahren aber um einige fantastische Mitarbeiter erweitert, die unsere Vision der Renaissance grosser Saarweine voller Begeisterung teilen. Dies hilft uns, das große Vertrauen, das Van Volxem bei vielen Kunden inzwischen genießt, weiter zu festigen und das Premium-Segment grosser trockener Rieslingweine künftig noch weiter zu erschließen. Das größte Potential sehe ich dabei im Bereich gereifter trockener Weine.

4. Ihre Kooperation mit dem Discounter Lidl hat im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt. Von wem ging die Initiative zur Zusammenarbeit aus? Wie sehen Sie Ihr Projekt im Gegensatz zu der Zusammenarbeit Jauch und Aldi?

Die Initiative für unsere Zusammenarbeit mit dem Discount ging bereits vor etwa drei Jahren von Lidl aus. Damals habe ich mir diese Zusammenarbeit nicht im entferntesten vorstellen können. Erfreulicherweise lies uns Lidl dann aber weitestgehend freie Hand in der Entwicklung der völlig neuen Marke „Handverlesen“, die anders als alle anderen bisherigen Konzepte deutscher Weingüter im Hochpreissegment angesiedelt ist.

Anders als bei den allermeisten LEH-Weinen deutscher Winzer wird der „Van Volxem & Friends Handverlesen“ aus den Trauben von Vertragswinzern unter der Regie unseres Kellermeisters Dominik Völk auf Van Volxem erzeugt.
Es geht bei uns somit nicht darum, einen bereits bekannten Namen für ein Handelskonzept zu verwenden und zu monetarisieren, sondern ganz in Gegensatz dazu, mit einem qualitativ richtig guten, aber eben alles andere als billigen deutschen Riesling das Vertrauen in der breiten Masse deutscher Weineinkäufer zurück zu gewinnen. Dies könnte letztlich auch dem Weinfachhandel helfen, neue Kunden für deutsche und insbesondere für Moselweine zu begeistern.

5. Ende der 1990er Jahr sattelten Sie vom Wirtschaftsgeographen zum Weingutsbesitzer um. Warum wollten Sie ein komplett neues berufliches Kapitel aufschlagen und was waren diesbezüglich die einschneidenden Veränderungen in Ihrem Leben?

Ehrlich gesagt war in der Firma meiner Eifler Familie kein Platz mehr für mich und ich hatte von Hause aus nun einmal nichts anderes mitbekommen als „selbst und ständig“. Langfristiges Handeln, eine ganzheitliche, oftmals auch pragmatische Herangehensweise in einem herausfordernden Marktumfeld und die radikale Fokussierung auf Spitzenqualität hatte ich bereits zu Hause vorgeführt bekommen. Von daher war meine bis heute nur marginal veränderte Unternehmensstrategie auf Van Volxem auch gar nicht so weit entfernt von der im besten Sinne nachhaltigen Strategie meiner Eifeler Vorfahren.
Die einschneidendste Veränderung war vielleicht die Tatsache, dass der Aufbau einer weitestgehend neuen Firma noch etwas mehr Einsatz und Energie erfordert, als dies in einer bereits seit vielen Jahrzehnten erfolgreichen Firmengruppe der Fall ist.

6. Sie besitzen eine der größten privaten Sammlungen von Karten in Deutschland. Inwieweit hat die Sammelleidenschaft Ihres Vaters Sie beeinflusst und welche Karte ist für Sie persönlich besonders wertvoll?

Wie mein Vater sich schon für Jahrhunderte alte Dokumente begeistern konnte, helfen mir historische Dokumente, in meinem Fall alte Weinpreislisten und bis zu 200 Jahre alte Weinliteratur, mich in längst vergangene, ehemals glorreiche Zeiten zurück zu „beamen“.
Dies gibt mir in meiner oft anstrengenden Arbeit enorm viel Kraft und Freude und bringt mich manchmal auch meinem längst verstorbenen Vater gedanklich sehr nahe, was natürlich wunderschön ist.
Neben vielen äußerst beeindruckenden Dokumenten aus dem Adlon oder dem Kaiserkeller Berlin, dem Ritz Paris oder dem Grand Hotel Königsberg ist mir eine Preisliste des berühmten New Yorker Ritz Carlton von 1941 vielleicht die wichtigste.

Diese eher unscheinbare Auflistung historischer Weinpreise belegt nicht nur die unglaublich große Dominanz deutscher und insbesondere der Weine der Mosel und ihre sich in astronomisch hohen Preisen widerspiegelnde hohe Wertschätzung gerade im direkten Vergleich mit Spitzenweinen aus Bordeaux und Burgund. Darüber hinaus ist sie aber auch ein extrem wertvolles politisches Dokument, da sie aufzeigt, wie bedeutend gerade die Rolle jüdischer Weinhändler im New York der 1940er Jahre für den Import hochwertiger deutscher Weine war. Dies hilft mir gelegentlich, gerade junge Menschen für die grossen Gefahren zu sensibilisieren, die sich aus Populismus und Nationalismus ergeben, der in vielen Ländern der Welt aktuell um sich greift.

Mit besten Grüssen von der Saar, Roman Niewodniczanski

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