Ortstermin - Weingut Schmidt am Bodensee

Über eine Landstraße fährt man vom am See liegenden Wasserburg nach Hattnau und schon von weitem sieht man den Bau des Weingutes Schmidt über dem Ort thronen. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude fast trutzig und burgartig, erst beim Näherkommen erkennt man die an einen alten Bauernhof angelehnte äußere Form. Die Auffahrt zum Weingut ist mit einem weidengebundenen Staketenzaun gesäumt, man merkt sofort, hier hat sich jemand um die Gesamtheit des Auftritts Gedanken gemacht. Wir sind leider über eine Stunde vor dem ausgemachten Termin schon in Hattnau angekommen, aus diesem Grund klingeln wir nicht an der ebenerdig liegenden Tür zur Kellerei, sondern gehen erst einmal die Stufen seitlich des Gebäudes hinauf. Der Ausblick verschlägt uns die Sprache. Man blickt von einer Terrasse, über Weingärten auf den See, im Hintergrund die schneebedeckten Alpen und das bereits saftig grüne Appenzeller Land unter einem strahlend blauen Frühlingshimmel. Wir haben uns wohl den besten Tag ausgesucht, um positiv beeindruckt das Weingut Schmidt kennenzulernen.

Erst im zweiten Anlauf schauen wir uns den Holzbau des Weingutes genauer an. Von der kiesbedeckten Terrasse mit zwei schicken Holzstehtischen sieht man, unter dem lang herunter gezogenen Dach, hinter großen Fensterscheiben das „Pinot“, Vinothek, Restaurant und einer der Veranstaltungsräume des Weinguts Schmidt am Bodensee. Die Fassade ist, bis auf die Fensterfront des Pinot, komplett mit Holzlamellen verkleidet, wie uns der Juniorchef später erklärt, ist dies komplizierten Bauvorschriften und dem speziellen Baustil geschuldet. Freundlicherweise begrüßt uns Sebastian Schmidt schon vor der vereinbarten Uhrzeit. Schmidt, einen schlanker junger Mann mit Brille, stelle ich mir sofort als ein in 40 Jahren ergrauten, weisen Professor vor, so sicher, freundlich und kompetent ist sein Auftreten. Als wir im Gastgarten vor der Terrasse stehen, erklärt er uns, dass die ganzen 10 Hektar messenden Rebflächen in Sichtweite des Weingutes liegen. Heutzutage eine Seltenheit für ein relativ junges Weingut. Wie er so erzählt, von seinem Vater, der der Liebe wegen von der Nahe an den Bodensee kam, seinen Reben, den alten Obstbäumen, von denen inzwischen leider nur noch die Williamsbirnen übrig sind, von der Feldarbeit und der Bestockung der Weinberge wirkt er ganz beseelt. Obwohl er diese Fakten sicherlich schon x-mal erzählt hat, haben wir den Eindruck, dass er niemals müde wird, von diesen Dingen zu sprechen. Sebastian Schmidt betont, dass er die Rebfläche nicht mehr ausweiten möchte, da sonst die Arbeit in den Reben leiden würde, so könnte er noch alles mit wenig Hilfe selbst schaffen, das sei ihm sehr wichtig. Nur bei ganz besonderen Filetstückchen könnte er sich vorstellen, eine Ausnahme zu machen. Nach dieser Ansprache sind wir überzeugt, Sebastian kennt jeden Rebstock, jeden Stickel, jede Macke seiner Weinberge ganz genau. Geradezu pedantisch achtet er darauf, nur optimales Lesegut im Herbst einzubringen, denn was im Weinberg schief läuft, da ist er sich sicher, kann man auch im Keller nicht mehr auffangen. Er erzählt uns, wie im letzten Frühjahr Frostschäden drohten und in der entscheidenden Nacht Mann und Maus draußen in den Weingärten große Feuer angezündet haben, um dem Bodenfrost Einhalt zu gebieten. Gekämpft habe man die ganze Nacht, wenn alle Feuer brannten, sei das erste schon wieder ausgegangen und man habe von vorne angefangen. Mit diesem Einsatz habe man allerdings 80% der Ernte retten können. Mit einem Augenzwinkern sagt er, es sei noch Holz für noch eine solche Nacht vorrätig, man sei also gerüstet.

Langsam gehen wir weg von dem grandiosen Ausblick, hinein in das Weingut. Das Pinot ist ganz aus Holz gestaltet, Bänke, Boden, Tische, Bar, Decke und Wände einfach alles strahlt diese besondere Holzwärme aus. Keine Sitzauflagen stören den Blickfluss, nur ein paar dekorativ angeordnete Flaschen hinter der Bar unterbrechen das Bild. Auf dieser Etage liegen auch die Küche des Pinots, sowie die Büroräume der Familie. In der oberen Etage wird in einem weiteren Veranstaltungsraum gerade eine Hochzeit vorbereitet, also gehen wir erst einmal in das Presshaus direkt hinter dem Pinot.

Die Decke ist mit Sicherheit sechs Meter hoch und ohne Stützen gebaut. Sebastian erklärt uns, dass er die Trauben nach der Lese mit dem Stapler direkt oben in die Presse einfüllt, dafür hat er sich eigens spezielle Trichter für die Presse anfertigen lassen. Deshalb wollte er ein besonders hohes Presshaus, um hier ganz nach seinen Vorstellungen arbeiten zu können. Obwohl er kein dogmatischer Verfechter des Gravitationsprinzips ist, und diese Methode auch nicht zu Marketingzwecken verwendet, hat er sich doch die Möglichkeit gelassen, der Maische, wenn sie danach verlangt, eine besonders schonende Behandlung ohne pumpen angedeihen zu lassen. Neben der pneumatischen Presse stehen zwei quadratische Betontanks, in denen er teilweise seine Rotweine einmaischt und vergären lässt. Abgeschaut hat er sich Form und Nutzung der anachronistisch wirkenden Tanks bei einem seiner Praktika im Burgund, von dem er voller Begeisterung und Respekt spricht. Ganz klar stellen wir an diesem Punkt schon fest, er ist ein Fan des burgundischen Stils und vieler der dort üblichen Arbeitsweisen.
Bei unserem Eintreten fielen uns gleich die vier Rüttelpulte auf, die an der rechten Wand des Presshauses stehen. Die Flaschen in den Pulten sind mit Kronkorken und jeweils einem Strich am Flaschenboden versehen – das es keinen Sekt im Portfolio der Schmidts gibt, sind wir neugierig auf Sebastians Erklärung. Einen Sekt habe er schon lange machen wollen, erzählt er. Seit vier Jahren tüftele er an diesem Projekt, aber der diesmalige Versuch sei der Vielversprechendste bisher. Sein Ziel sei es, einen Champagnerartigen Sekt zu kreieren, reguläre Winzersekte gäbe es schon genug, da müsse er nicht noch einen drauf setzen. Aber bevor das Aroma nicht genau so sei, wie er es sich vorstelle, dürfe der Sekt auch nicht in den Verkauf kommen. Oh ha. Bei aller Begeisterung merkt man wieder den Perfektionismus in Sebastian Schmidts Erklärungen. Weiter führt er aus, dass er erst heute Morgen die Flaschen gerüttelt habe und der Hefepfropf schon ganz unten im Flaschenhals säße. Bald darf also sein „Baby“ das erste Mal gekostet werden. Fast wünschen wir uns, bei dieser ersten Verkostung dabei sein zu können.

Wir gehen weiter, hinunter in das Untergeschoß und auch im Treppenhaus sind die Wände aus Holz. Das haptische Erlebnis mit den Händen beim Treppe steigen an den Wänden entlang zu fahren ist schon fast sinnlich, überhaupt fühlt man sich instinktiv wohl in diesem, fast zur Gänze aus Holz bestehenden Gebäude. Den Teil, der nicht aus Holz besteht, lernen wir jetzt kennen. Im Untergeschoss, an dessen Tür wir uns anfangs nicht getraut haben zu klingeln, sind die Wände aus Beton. Das Lager, der Barriquekeller sowie der Keller mit den Edelstahltanks. Der Barriquekeller ist klein aber fein. Die Schmidts verwenden nur zu einem Drittel neue Fässer für die Weine, die hier ausgebaut werden. Später werden wir feststellen, wie präzise und ausgewogen Sebastian das Holz in seinen Weinen einsetzt. Als wir im Barriquekeller stehen werden wir auch von Eugen Schmidt begrüßt, dem Seniorchef und Gründer des Weingutes.

Nun, da wir den ganzen Betrieb gesehen und uns einen Eindruck von der Arbeitsweise gemacht haben, sind wir neugierig auf die Verkostung. Sebastians Verlobte unterstützt ihn seit kurzem Vollzeit im Betrieb und ist auch bei der Weinprobe dabei. Als erstes bekommen wir zwei Jahrgänge Müller-Thurgau eingeschenkt. Jung und frisch sollen die sein, sagt Sebastian, und auch so getrunken werden. Die Basiskollektion also. Der 2017er ist noch etwas unruhig von Füllen, aber trotzdem mit einer schönen, schlanken Säure und einem frischen animierenden Duft. Der 2016er präsentiert sich schon erwachsen, cremiger und genauso schlank wie der neue Jahrgang. Der Auftakt war gelungen. Nach dem Sauvignon blanc, einem Rosé (der Terrassenwein, wie Sebastian meint) und dem ebenfalls ganz frisch gefüllten Weißburgunder werfen wir uns anerkennende Blicke zu. Die Stilistik ist durchgängig klar erkennbar, die Rebsorten wunderbar herausgearbeitet. Wenn das so weitergeht, hat sich der Tag schon gelohnt. Nach dem Weißburgunder verkosten wir den Grauburgunder, Chardonnay und den Grauburgunder Reserve, die im Abgang nochmal einen wunderbaren Druck aufbaut. Bei jedem Wein wird der Stil von Sebastian Schmidt klarer. Schlanke, fein strukturierte Weine, nicht kompliziert ohne beliebig zu sein, nicht laut und auf höchstem Niveau ausgebaut. Die Aromatik ist mineralisch, salzig, manchmal auch rauchig und mit ätherischen Anklängen. Puh, wir wissen jetzt schon, die Auswahl wird uns schwer fallen. Weiter geht es mit den Roten. Wir verkosten eine Cuvée aus Zweigelt und Spätburgunder, bei der der Zweigelt den Ton abgibt, der Spätburgunder seine Finesse einbringt und den Wein zu einem Ganzen zusammenfügt. Wir können uns nicht erinnern, diese Kombination schon einmal verkostet zu haben. Der Wein lag ein Jahr in Barriquefässern und hat eine wunderbare Pfeffernote in der Nase. Zuletzt werden uns zwei unterschiedliche Jahrgänge des Spätburgunders eingeschenkt. Nach der Verkostung des 2015er und 2016er Jahrgangs sind wir platt. Die Stilistik ist konsequent durchgezogen worden. Hier werden keine Kompromisse gemacht, Sebastian Schmidt macht seine Weine zu 100% oder gar nicht. Während der ganzen Probe erzählt er von der Arbeit im Keller, besonders beeindruckt sind wir auch vom technischen Verständnis und auch hier wieder der Perfektion, mit der Sebastian Schmidt seine Weine kreiert und den gewünschten Stil auszirkelt.

Als wir uns verabschieden, sind wir wieder einmal sicher, den besten Job der Welt zu haben.

Unser Fazit: Extrem kompetenter und mutiger Jungwinzer von man sicher noch hören wird. Seine Kollektion ist stilistisch äußerst stimmig und fachlich hervorragend ausgebaut. Eine klare Kante gehört hier zum guten Ton im Keller wie im Weinberg, wo alle Arbeiten von der Familie und deren wenigen festen Mitarbeitern selbst ausgeführt werden. Die Schmidts kennen jeden Stein und jedes Pflänzchen in ihren Weingärten.

Entsprechend groß ist final auch unsere Selektion der Schmidtschen Weine ausgefallen. Die komplette Auswahl ist inzwischen auf Lager und wartet darauf, auch von Ihnen entdeckt zu werden.

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