Was, wenn Bordeaux ist und keiner geht hin – En Primeur 2019

Wie so ziemlich alles in diesem verrückten Jahr 2020 wurde auch der Bordeauxzirkus ordentlich durchwirbelt. Lange proklamierte die UGCB, also quasi das Sprachrohr des Korkadels und der Dachverband vieler bekannter Weingüter an der Gironde, die Verkostungen fänden statt. Mir und dem geneigten Kollegen, der mich begleiten sollte, gingen bereits mehrere Körperteile auf Grundeis. Nicht allein der Anteil chinesischer Besucher ist gemeinhin recht hoch – ob jene zu dem Zeitpunkt überhaupt noch gekommen wären, ist freilich fraglich – aber auch die übrigen hygienischen Bedingungen im Sinne von Abstand und FFP2-Nosing wären in manchem Keller oder Verkostungsraum schwierig zu realisieren gewesen.
Und so war es Freitag, der 13.03., als erst einzelnen Weingüter die Tastings vor Ort absagten und schließlich die UGCB die komplette Woche cancelte. Sie werden sich schwergetan haben, nehme ich an.
Ich schlug dem ein oder anderen Händler vor, er könne doch Halbflaschen füllen lassen und diese dann in die Welt versenden. Die Antwort war ein oh, naja, Qualität, Fassmuster, schwierig, teuer… Einzig, wenigstens in meinem Dunstkreis, Jan Thienpont gelang es, Muster aus allen Regionen zusammen zu sammeln – nicht unbedingt Premiumweingüter, aber für einen ersten Eindruck beim Tasting in der heimischen Küche reichte es durchaus. Danke dafür, Jan. Alle anderen Negos verschwanden mehr oder minder mit der Absage in eine sechswöchigen Coronaversenkung - es ward Frieden und Ruhe.
Jan erzählte mir, dass es bis in die siebziger Jahre völlig normal war, dass sich die Händler um die Bemusterung kümmerten und die Fassmuster seinerzeit auch in der ganzen Welt umhergeschickt wurden. Man darf sich fragen, was sich danach änderte, am Wein oder am Menschen, dass derlei nicht mehr möglich war und ist. Die Primeur-Woche, wie ich sie kenne, ist meines Wissens erst eine Erfindung aus den 1990ern und zu meiner Lehrzeit, Ende des genannten Jahrzehnts war es noch normal, einen Vertrauten in Bordeaux sitzen zu haben, der selbst verkostet hatte, Tipps und Eindrücke übermittelte mit denen man dann meistens auch recht gut fuhr. Gut, zu der Zeit war Parker noch ein junger Hüpfer und Bordeaux noch ein Wein und weniger ein Spekulationsobjekt.
Anyway, was wissen wir vom 2019er? Nicht sehr viel, den gesamten Wetterverlauf freilich schon. Und dieser lässt tatsächlich auf Gutes hoffen, denn die „Dubourdieuschen Grundregeln“ für große Jahrgänge wurden alle erfüllt, zudem gab es weder Frost noch Mehltau. Im Grundsatz also vielversprechend, was die einzelnen Güter daraus machen, ist wieder eine andere Frage. Ich habe einen Bericht eines Négociant gelesen, der 2019 qualitativ unterhalb von 2016 und oberhalb von 2015 – besonders „rechts oben“ weil bombastische Cabernets - einordnete.
Nun, wir wissen ja spätestens seit Heinsberg & Co., dass es statistisch schwierig sein kann, von wenigen auf viele zu schließen, weswegen ich mich mit den paar Weinen, die ich probiert habe, schwertue, auf ein großes Ganzes zu schließen. Dennoch hat mich der Jahrgang mehr an 98/99 oder 2008 erinnert: straff und kraftvoll, ordentliches, langlebiges aber reifes Tannin, die Frucht hingegen eher zurückhaltend, sehr weit vorn platziert und sich in den meisten Fällen der Struktur auch schnell ergebend – hier mag tatsächlich das Setup der verschickten Halbflaschen aus dem Fass eine Rolle spielen. Erstaunlich war für mich ferner: die Weine hielten sich auch offen noch lange, ohne sich dabei merklich zu verändern – schon gar nicht zum negativen. Ein schönes Beispiel waren hier die Weine von Mitjavile -letztes Jahr hatte ich nicht gekauft, mir war die Frucht zu flappy, zu barock- in diesem Jahr waren die Mitjavile-Weine von groß bis klein sehniger, maskuliner und eleganter, ließen es aber dennoch nicht an Warmherzigkeit missen. Tertre-Roteboeuf habe ich 4 Tage nach dem Öffnen nochmal probiert und er stand noch – weitere 2 Tage später, war es dann aber um ihn geschehen.
Ebenfalls beeindruckt hat mich der im Paket von Jan Thienpont enthaltene Croix de Gay – ich werde wohl früher oder später meine Scheu vor Pomerol-Weinen ablegen müssen.
Schwierig fand ich im Vergleich St. Emilion und Fronsac. Moulin-Haut-Laroque, ok, es ist auch etwas Stil des Hauses, erschien mir reichlich alkoholisch und bringt dann auch 14,5% in der Flasche mit; ansonsten in Ordnung. Gar nicht klar kam ich mit dem Clos de Sapre (Grand Cru Classe) – aber auch durchaus möglich, dass er die Reise nicht überstanden hat. Der Wein war lackig, laktisch, breit und deutlich „überreif“. Man munkelt aber auch, dass es so mancher Merlot nicht leicht gehabt hat; wie der Petit Verdot übrigens auch. Denen war es streckenweise wohl doch zu trocken.

Soviel in aller Kürze, was stellen wir mit der Situation an? Die Weine scheinen weitestgehend gut zu sein, das berühmte Nugget werde ich in diesem Jahr nicht finden und just kommt mit Pontet-Canet der erste „namhafte“ Wein auf den Markt - zu einem Preis, der tatsächlich recht vielversprechend ist: noch nicht ganz 2008, aber…vielleicht ändert sich durch einen kleinen Virus die Welt ja auch in Bordeaux ein wenig.

Herzlichst - Ihr Jörg Ilgen